Förderung über alles?
Mireille Lingg*
Förderkurse jeglicher Art sind derzeit so hoch im Kurs wie noch nie. Allerorten wird darüber geredet und geschrieben. Eltern stehen unter Druck, jedes noch so kleine Talent ihres Kindes zu entdecken und zu fördern. Wohlgemerkt, ein massvoller Besuch von ausgewählten Kursen mag durchaus seine Berechtigung haben, doch oft ist es des Guten zu viel oder die Kinder sind noch zu unreif. So werden die armen Kleinen von Musikkurs zu Sportkurs zu Theaterkurs zu Sprachkurs usw. geschleppt. Dort werden sie didaktisch und pädagogisch wertvoll gefördert und gefordert, alles wird ihnen auf dem Serviertablett präsentiert. Statt Freude am Tun spüren Kinder oft den gesellschaftlichen Druck, besonders gute Leistungen zu erbringen, der oder die Schnellste auf dem Platz zu sein, die Händelsonate mit flinken Händen fehlerfrei zu spielen. Oft entsteht ein Konkurrenzbewusstsein, wie es auch in Sendungen wie «MusicStar» oder «Germany's Next Top Model» vorgelebt wird. Viele derart verplante Kinder sind überfordert und verlernen es, sich mit sich selbst zu beschäftigen oder etwas aus eigenem Antrieb anzupacken. Die Kinder geraten unter Druck, denn sie wollen die Erwartungen der Eltern nicht enttäuschen und geliebt werden. So verlieren sie schon in jungen Jahren den Zugang zu ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Zum Glück sind jetzt Sommerferien. Die Kinder haben jetzt Zeit und Raum, mit anderen Kindern ungezwungen, spontan und fantasievoll zu spielen und eigene Erfahrungen zu sammeln. Wir wissen alle, dass diese Erlebnisse mit Freunden und Freundinnen genau die sind, die wir später nie vergessen werden, unter anderem gelungene Streiche, an die wir uns als Erwachsene mit Begeisterung erinnern. Als Eltern sind wir vielleicht nicht immer ganz so begeistert über die Aktionen unserer Kinder und werden misstrauisch, wenn eine Kindergruppe zu lange verdächtig ruhig ist. So kam ich einmal mit einer solchen Ahnung ins Badezimmer. Die Fenster waren weit geöffnet und als ich leider aus dem Fenster guckte, herrschte mich eine zu recht erboste Frau an, dass ihr «jemand» Wasserballone aufs Autodach geworfen habe. – Zu erleben, was man ohne Erwachsene mit anderen Kindern, im Positiven wie im Negativen, erreichen kann, ist ein Spezialförderkurs-Angebot, das in den Sommerferien gratis zu haben ist!
* In der Rubrik «Frächdaggs» befasst sich Mireille Lingg mit Erziehungsthemen. Die Stiftung «BaZ hilft» unterstützt sie bei ihrer Arbeit mit Erziehenden, die in Schwierigkeiten geraten sind. Mit einer Spende auf das Postcheckkonto 40-15757-4 helfen Sie, dieses Angebot aufrechtzuerhalten.