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Es gibt weder grosse Entwicklungen noch wahre Fortschritte auf dieser Erde, solange noch ein unglückliches Kind auf ihr lebt
Albert Einstein, Mathematiker und Physiker (1879-1955).
Eltern sollten auf jedes ihrer Kinder individuell eingehen
 
Mireille Lingg*
 
Letztes Mal habe ich über die Einzigartigkeit eines jeden Menschen geschrieben. Wir wissen das ja alle, doch viele Eltern sind sich nicht immer bewusst, dass diese Erkenntnis auch weitreichende Konsequenzen für das familiäre Zusammenleben und den Erziehungsalltag hat. Jede einzelne familiäre Konstellation steht vor der Herausforderung, ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass jeder sich, ob Gross oder Klein, wohl und in seinem Wesen respektiert fühlt. Es bedeutet für Eltern, dass sie angehalten sind, jedes Kind in seiner individuellen Persönlichkeit anzunehmen und auf seinem Weg zu begleiten. Eltern mit einem Kind kommen oft bei der Geburt des zweiten Kindes selber noch «einmal auf die Welt», weil manches, was beim ersten Kind wunderbar funktioniert hat, gar nicht mehr geht. Eltern von drei oder mehr Kindern können davon ein Lied singen: «Ich bin doch immer die gleiche Mutter oder der gleiche Vater und doch sind meine Kinder so grundverschieden.» Eine Mutter hat mir kürzlich erzählt, ihr erstes Kind habe immer herrlich in der Babyhängematte sein Mittagsschläfchen abgehalten, aber das kleine Brüderchen fühle sich dort extrem unwohl und finde keinen Schlaf. Oder das erste Kind hat einen extremen Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang, sucht nicht allzu viel Nähe, braucht die Eltern quasi nur als Tankstelle, während das zweite Kind Tag und Nacht am Rockzipfel klebt. Kein Vergleich. Was tun wir also? Wir geben jedem Kind so viel Geborgenheit, wie es braucht. So sind wir mit jedem Kind und in jeder Entwicklungsphase aufgerufen, immer neu herauszufinden, was seine ganz speziellen Bedürfnisse sind, und es in seiner Individualität ernst zu nehmen. Hier müssen wir aufpassen, dass wir unsere Kinder nicht miteinander vergleichen und entsprechend bewerten. Ich gebe zu, es ist mir im Affekt auch hin und wieder passiert, dass ich die meinem Empfinden nach «mühsamen Eigenschaften» meines Sohnes mit dem unproblematischen Verhalten meiner Tochter in der gleichen Situation verglichen habe. Also bitte nicht: «Am Morgen bist du so ein Langweiler, alles muss ich dir zweimal sagen, und dann machst du es noch immer nicht, während sich deine Schwester ganz selbstständig anzieht, frühstückt und die Zähne putzt.» Das bedeutet Öl ins Feuer giessen und bringt nichts als verhärtete Fronten und Unfrieden. Lieber gemeinsam mit dem Kind überlegen, was es braucht, um am Morgen auf Touren zu kommen. Vielleicht hilft es ihm, früher aufzustehen, damit es mehr Zeit zur Verfügung hat, bevor es das Haus verlassen muss. Oder es geht früher schlafen, damit es am Morgen besser aus dem Bett kommt. Vielleicht ist es partout kein Frühstücksmensch und isst lieber erst ein Brötli zum Znüni. Unsere Kinder erfahren durch diese Form der Begleitung etwas ganz Wesentliches, nämlich, dass wir Eltern Ursache und Wirkung ihres Verhaltens zu verstehen versuchen, ihre persönlichen Bedürfnisse wahrnehmen und sie sich auf unsere umfassende Unterstützung verlassen können.
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