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Frächdaggs
Mami, Papi, schaut mal her!
Mireille Lingg*
Kennen wir Eltern nicht alle dieses ständige Bedürfnis unserer Kinder, bei ihren Aktivitäten gesehen zu werden? Und fällt es uns nicht bisweilen schwer, bei jeder Gelegenheit darauf einzugehen? Wir haben schliesslich noch viele andere wichtige Dinge zu erledigen. Warum nur buhlen sie ständig um unsere Aufmerksamkeit? Die Bindungstheorie von John Bowlby beschreibt das Bedürfnis eines Menschen, eine enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehung zu Mitmenschen aufzubauen. Wie wir wissen, prägen die ersten Lebensmonate und Jahre das Bindungsverhalten des Kindes in hohem Masse. Das Baby nimmt seine umgebenden Personen vom ersten Lebenstag an mit allen Sinnen wahr und ahmt bereits am dritten Lebenstag Grimassen seiner Bezugspersonen nach. Mit sechs Wochen kann das Baby die Personen, die es umsorgen, bereits unterscheiden. Die eigentliche Bindung passiert vom siebten, achten Monat an. Das Kind hat dann eine innere Vorstellung eines Objekts, also einer Bezugsperson. Es vergisst uns nicht, auch wenn wir einmal abwesend sind. Spätestens vom ersten Lebensjahr an versucht das Kind, das Verhalten einer anderen Person je nach Situation zu beeinflussen, wird also selber aktiv in seinen Partnerschaften. Alle, die sich mit einem Kind im Trotzalter herumschlagen, wissen, wovon ich rede. verpasste chancen. So weit der kurze Exkurs in die Theorie. Was passiert mit uns Eltern? Nach der Geburt des Babys können wir uns nicht an ihm sattsehen, beobachten es stundenlang, selbst wenn es schläft. Wir spüren intuitiv, wie es dem Baby geht und was es braucht. Mit zunehmenden Alter des Kindes holt uns der Alltag ein, es sind vielleicht mehrere Geschwister da, und wir meinen, unsere Kinder zu kennen. Wenn sie uns etwas erzählen, hören wir nur mit einem Ohr zu, wenn wir schauen sollen, was sie zustande gebracht haben, schauen wir kurz mit einem unaufmerksamen Blick. Schade um die verpasste Chance, denn oft kippt das Verhalten eines Kindes bei konstanter Nichtbeachtung in die verzweifelte Suche nach Aufmerksamkeit mit allen Mitteln, sei es aggressives Verhalten, ständiges Jammern oder konstantes Provozieren. Wir dürfen dabei eins nicht vergessen: Die bewusste Wahrnehmung des Kindes durch die Eltern gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen und ist existenziell wichtig für eine positive Entwicklung. Erst im Gegenüber, das echtes Interesse an seinen Gedanken und Handlungen zeigt, fühlt sich das Kind als Mensch in seinem Wesen erkannt und geschätzt. Der ultimative Satz des Kindes heisst: «Ich will, dass du mich siehst.» So genährt durch Aufmerksamkeit, kann Ihr Kind sich für eine gute Weile selber einer Beschäftigung widmen, ohne gross um Beachtung zu buhlen. Nun gebe ich Ihnen – wenn Sie möchten – eine Hausaufgabe: Versuchen Sie bis zur nächsten Kolumne mindestens einmal pro Tag, sich voll und ganz auf das persönliche Erleben und Verstehen Ihres Kindes einzustellen. Und lassen Sie sich überraschen von der überzeugenden Logik Ihres Kindes. So hat meine Tochter im Alter von vier Jahren ihrem kleinen Bruder erklärt: «Du wächst und wächst und wirst ein Mann, und dann darfst du Kaffee trinken.» Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei.
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