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Es gibt weder grosse Entwicklungen noch wahre Fortschritte auf dieser Erde, solange noch ein unglückliches Kind auf ihr lebt
Albert Einstein, Mathematiker und Physiker (1879-1955).

Frächdaggs

Die angeborene Freude am Lernen behalten

Mireille Lingg*

Konnten Sie im Verlauf der letzten Woche spannende Momente erleben, wenn Sie Ihr Kind bei seinem alltäglichen Tun beobachteten? Auch ich habe mit meinen «Beobachtungsantennen» wunderbare Momente erlebt. So sah und hörte ich kürzlich ein Mädchen, hoch oben im Tannenwipfel hängend, lauthals ein fröhliches Lied singen. Früher dachte man, alle Kinder lernen zu einem ähnlichen Zeitpunkt die gleichen Dinge. Heute geht man davon aus, dass die Zeitfenster, in denen Kinder Dinge lernen, sehr unterschiedlich sind. Ein Kind beschäftigt sich zum Beispiel im Alter von zwei Jahren gerne mit Formen und schachtelt dauernd jegliche Behälter ineinander, während ein anderes Kind im gleichen Alter von Tag zu Tag besser sprechen lernt. Systematisches Beobachten von Kindern ist deshalb so wichtig, weil wir so die Momente, in denen unser Kind besonders lustvolles Interesse an bestimmten Aktivitäten zeigt, nicht verpassen. Wenn das Kind in diesem Zeitraum vielfältige Gelegenheiten, Sinneseindrücke und eine entsprechend angepasste Umgebung erhält und sich so diesen Aktivitäten ganz hinzugeben vermag, entwickeln sich spezifische Hirnbereiche wie mathematisches Denken oder Spracherwerb weiter. Wir Eltern wirken dann eher im Hintergrund und fördern Aktivitäten, für die das Kind sich selber interessiert, über die es sich selber Fragen stellt. Dieses Tun wird als lustvoll erlebt, das Kind – aber auch ein Erwachsener, der in einer Tätigkeit aufgeht – ist in diesem Moment glücklich. Der Psychologe Mihály Csikszentmihályi hat Mitte der Siebzigerjahre mit dem Begriff «Flow» den Glückszustand beschrieben, in den wir geraten, wenn wir in einer Tätigkeit voll und ganz aufgehen und Zeit und Raum um uns herum vergessen. Haben Sie in letzter Zeit einen «Flow» erlebt oder erinnern Sie sich noch an solche Glücksmomente in Ihrer Kindheit? Im folgenden Beispiel möchte ich erläutern, was, gemäss Mihály Csikszentmihályi, einen «Flow» charakterisiert. Nehmen wir an, ein Kind ist gerade in einer Phase, in der es sehr gerne und hingebungsvoll Lego spielt. Es versinkt ganz im Bau einer «Legostadt». Es fühlt sich dieser Aufgabe gewachsen, ist nicht unter- oder überfordert, baut also eine «Legostadt» entsprechend seinen momentanen Fähigkeiten. Dabei konzentriert es sich ganz auf das Bauen und Konstruieren, denkt nicht nach, ob das eine sinnvolle Aufgabe ist oder nicht, denkt auch nicht an das kommende Abendessen, sondern ist ganz im Hier und Jetzt. Das Kind hat ein Ziel vor Augen und weiss, wie es die «Legostadt» bauen will. Noch während des Bauens oder spätestens kurz nach Abschluss des Bauens weiss es bereits, ob ihm der Bau der Stadt nach seinen Vorstellungen gelungen ist. Wenn das Kind jederzeit das Gefühl hat, die Kontrolle über den Fortschritt und die Entwicklung der «Legostadt» zu besitzen, ist dies «flowförderlich». Das Kind vergisst im selbstvergessenen Tun alle seine momentanen Sorgen, sogar Hunger und Durst. Es verliert jedes Zeitgefühl und merkt nicht, dass eine Stunde oder mehr vergangen ist. Für dieses tiefe Gefühl von Glück braucht es nicht alle soeben genannten Bestandteile. Nach Csikszentmihályi ist also Glück, wenn man konzentriert das tut, was man gerne tut und gut kann. Versuchen wir bis zur nächsten Kolumne, unseren Kindern – und warum nicht auch uns selber – möglichst viele Gelegenheiten für ein glückliches, erfülltes Tun zu ermöglichen.

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